Mittwoch, 2. Dezember 2020

Small Talk

Er stand lächelnd an der Straßenecke, als würde er auf mich warten. Dunkle Augen leuchteten unter dem Hut hervor, den er ein wenig schief aufgesetzt hatte. Der eisige Wind und der Schneeregen schienen ihm nichts auszumachen.
"Ich bin Knut", stellte er sich vor und ich grinste. Knut mit Hut, dachte ich. Wir unterhielten uns, als würden wir uns schon lange kennen.
"Ich muss los", sagte ich irgendwann, denn ich fror.
"Komm morgen wieder", bat er, blinzelte mir zu, und ich nickte.
Am nächsten Morgen schien die Sonne. Knut war fort. Nur sein Hut lag an der Straßenecke in einer Pfütze. 

©Jo Jansen 20201202


*Das ist wieder ein Drabble (exakt 100 Worte, ohne Mitrechnung der Überschrift.) 




Mittwoch, 18. November 2020

Spielverderber

Aktuell bekam ich mehrfach einen hübsch aufgemachten Kettenbrief, den man sechs Freundinnen weiterleiten soll. Ein bisschen Weihnachtsglitzer und emotional klingende Worte fordern dazu auf, einer bestimmte Person, geheime Schwester genannt, ein Weihnachtsgeschenk zu schicken. Für diesen wahrlich geringen Einsatz bekäme man demnächst sechs bis sechsunddreißig Geschenke von anderen geheimen Schwestern. Ich reagierte wie immer bei Kettenbriefen und wies die Absenderinnen auf das rein mathematisch nicht funktionierende Schneeballsystem hin. Zum „Dank“ wurde ich als Spielverderberin bezeichnet, die anderen die Freude nimmt und Schuld hätte, dass solche schönen Aktionen nicht funktionierten. Wer das tatsächlich glaubt, sollte Weizenkornlegende googeln. Ansonsten: Mathematik – Setzen, Sechs!* 


©Jo Jansen 20201118


*Das ist wieder ein Drabble (exakt 100 Worte, ohne Mitrechnung der Überschrift.) 





Donnerstag, 1. Oktober 2020

Klingeling

Wenn Radfahrer und Wanderer sich einen Weg teilen, wird es manchmal eng. Darum klingele ich, während ich mich radfahrend Fußgängern nähere, die vor mir laufen. Damit sie nicht im letzten Moment vor Schreck einen Schritt zur Seite springen, genau vor mein Rad. Manche Spaziergänger missverstehen mich und reagieren aggressiv. Von bewusstem sich in den Weg stellen bis in meine Richtung ausgestreckte Walkingstöcke, habe ich schon alles erlebt. 


Dies ist ein Drabble* und es benötigt eine Pointe. Sie wird kommen, wenn ein Radfahrer dich anlächelt, weil du sein Klingeln richtig verstanden hast – als vorsichtige Warnung, um dich nicht zu verletzen. Danke.


© Jo Jansen 2020



Freitag, 7. August 2020

Es ist an der Zeit ...

 ... wieder offline zu gehen. In den letzten Jahren habe ich mich jeweils im August und bis in den September hinein aus den sozialen Netzwerken zurückgezogen. Was beim ersten Mal eher ein Experiment war, entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einem Bedürfnis. So gern ich mit lieben Menschen über Facebook, Instagram & Co. kommuniziere, so müde bin ich es, mit dummen Menschen zu diskutieren. Sicher ist dumm in diesem Falle relativ, denn manche dieser Leute haben nicht nur studiert, sondern scheinbar auch die Weisheit mit Löffeln gefressen. Nur sie kennen die echte Wahrheit. Ging es im letzten Jahr hauptsächlich um den (nicht vorhandenen!) Klimawandel, so ist es 2020 Covid-19, das die Gesellschaft spaltet. "Millionen" Menschen verkündeten am vergangenen Samstag in Berlin das Ende der Pandemie. Deswegen konnten sie die geltenden Hygieneregeln ja auch ignorieren. Interessant finde ich, dass es sich 2019 und 2020 um dieselben "Erwachten", die einzig wahren Quellen kennenden Menschen handelt, die uns von den Mainstream-Medien gehirngewaschenen Schlafschafen die Welt erklären wollen. 

Während ich mich also weiter zu den Schlafschafen zähle, da ich immer noch freiwillig und aus Überzeugung eine Maske trage, wo Mindestabstand nicht möglich ist, steigen die Zahlen der Neuinfektionen. In Mecklenburg-Vorpommern schließen nur fünf Tage nach Beginn des neuen Schuljahres zwei Schulen wegen Covid-19 infizierter Schüler. 

Es ist Sommer, und da fallen mir viele Dinge ein, die schöner, interessanter und beglückender sind, als mich mit sinnlosen Diskussionen und dem Lesen abstruser Verschwörungstheorien herumzuschlagen. In diesem Sinne, genießt den Sommer - mit Mindestabstand - bleibt gesund und irgendwann im Herbst sehen bzw. lesen wir uns vielleicht wieder. 



Dienstag, 12. Mai 2020

Stachelbeeren

Der kleine Stachelbeerstrauch trägt zum ersten Mal Früchte. Nicht viele, aber sie sind groß und saftig und glänzen grün mit einem leichten goldenen Schimmer in der Sonne.
„Was wirst du damit tun?“, fragt meine beste Freundin.
„Ich warte noch ein wenig, bis sie reif sind. Dann werde ich sie pflücken und einen leckeren Stachelbeersaft daraus kochen. Du erinnerst dich? Mein Exmann liebt Stachelbeersaft.“
Die Freundin nickt. Natürlich, sie kennt mich seit der Schulzeit.
„Mit dem Fläschchen Saft werde ich zu meinem Ex fahren und es ihm überreichen. Und mich bei ihm bedanken für die wunderschönen letzten zehn Jahre ohne ihn.“

©Jo Jansen 20200512

Das ist wieder ein Drabble (exakt 100 Worte, ohne Mitrechnung der Überschrift.) Ich habe die Geschichte tatsächlich geträumt, heute früh direkt vor dem Aufwachen. Darum konnte ich mich noch daran erinnern und sie aufschreiben. Nur zwei Dinge stimmen nicht mit der Realität überein:
1. Ich habe keine Ahnung, ob mein Exmann Stachelbeersaft liebt.
2. Ich würde unsere wenigen Stachelbeeren an den neu gesetzten Büschen nicht mit ihm teilen. 




Mittwoch, 25. März 2020

"Sturmfrei" (1) von Jo Jansen

„Essen ist im Kühlschrank.“
„Ja, Mutter. Danke Mutter. Gute Reise.“
„Und mach keine Dummheiten.“
„Nein Mutter.“
Bei den letzten zwei Worten kreuzte er heimlich die Finger der rechten Hand hinter seinem Rücken. Mit der Linken winkte er, bis das Taxi um die Ecke bog. 
Sturmfrei! 
Das zweite Mal in fünfunddreißig Jahren. Beim ersten Mal war er vierzehn gewesen und Christa, Mutters Cousine, sollte für drei Tage hier einziehen, während Mutter im Krankenhaus wegen einer falschen Lungenentzündung behandelt wurde. Die ganze Geschichte war ziemlich mysteriös und Lukas hatte sie bis heute nicht verstanden. Denn der Nachbar, der angeblich schuld an Mutters Leiden war, hatte nicht ins Krankenhaus gemusst. Stattdessen wurde zeitgleich mit Mutter ihre Cousine Christa dort eingeliefert, weil sie auf der Straße von Stetten hinunter ins Donautal einem auf der Straße liegenden großen Stein ausgewichen war und einen entgegenkommenden PKW gestreift hatte. Lukas hatte drei Abende lang mit den anderen Jugendlichen aus Inzigkofen am Sportplatz abgehangen, wie sie es nannten, sich nur von Döner, Pizza, Cola und Red Bull ernährt und die ganze Nacht hindurch Siedler III gespielt. Geile Zeit! Er dachte immer noch gern daran zurück.

Seit Mutter angedeutet hatte, dass sie überlegte, zum goldenen Klassentreffen, wie sie es nannte, zu fahren, war in Lukas‘ Kopf ein Plan gereift. Bis zuletzt war er nicht sicher gewesen, ob sie die Reise nach Bremen wirklich antreten würde. Doch die Neugier, was aus ihren alten Klassenkameradinnen der katholischen Mädchenschule geworden sein mochte, war größer gewesen als ihre Angst, Sohn und Kater für drei Tage allein zu lassen. 

Lukas wartete eine Stunde, bis er ganz sicher war, dass sie in Sigmaringen nicht den Zug verpasst hatte und deshalb wieder zurückkam. Die Zeit vertrieb er sich damit, den Kater zu ärgern. Jedes Mal, wenn dieser sich dem mit Lachspastete in delikater Sauce gefüllten Futternapf näherte, bekam er einen Strahl aus der Wasserspritzpistole ab. Das Tier war so dumm, es immer wieder zu versuchen, bis sein Fell klitschnass war und der Tank der Spritzpistole leer. Lukas nahm den gefüllten Napf und stellte ihn in den Kühlschrank. Der Kater verzog sich beleidigt mauzend nach draußen, wo er begann, sein Fell zu putzen. Lukas überlegte kurz, ihm zu folgen und das Spiel mit dem Gartenschlauch fortzusetzen. Aber ein leichter Schneeregen, der von eisigem Wind begleitet wurde, hielt ihn davon ab. Stattdessen fläzte er sich in den guten Sessel, der sonst Mutter vorbehalten war, und zappte sich durch das Fernsehprogramm. Zwischen Trickfilmchen und belanglosem Talk am Mittag schaute er immer wieder auf die Wanduhr. Jetzt war Mutter eine Stunde fort! Er sprang aus dem Sessel, zog seine warmen Winterschuhe an, griff Jacke und Schlüsselbund und ging fröhlich pfeifend hinüber in die Garage. In Mutters silbergrauem Opel Astra hatte er noch nie ganz allein gesessen. Meist fuhr sie ihn, und Lukas saß auf dem Beifahrersitz. Oder hinten, wenn Christa dabei war. 

Heute gehörte das Auto ihm! Der Schneeregen hatte nachgelassen, der eisige Wind war geblieben. Lukas war das egal. Er fuhr mit heruntergelassenem Seitenfenster, sodass er lässig den linken Ellenbogen aus dem Fenster halten konnte. Das hatte er schon oft im Film gesehen und fand, dass es total cool aussah. In dieser Haltung bog er In den Käppeleswiesen in Sigmaringen ein. Er hatte Glück, nur ein Auto stand vor ihm am Drive-in-Schalter. Lukas bestellte sich das Family Party Happy Meal mit dem Ion Thrasher. Ja, das war ein Auto! Aber egal, für das, was er heute vorhatte, würde Mutters Astra genügen. Während er auf der Schnellstraße Richtung Norden fuhr, stopfte er sich abwechselnd Pommes in den Mund und nahm einen Schluck von seinem Milchshake. Ein Kartoffelstift haftete am anderen, löste sich auf dem Weg zum Mund und fiel auf seine braune Stoffhose, wo er einen hellen Mayonnaisefleck hinterließ. Lukas fluchte leise vor sich hin. Mutter würde schimpfen und eine Erklärung verlangen, wenn sie den Fleck sah. Zum Glück hatte er seine guten Sachen dabei, denn für das, was er vorhatte, wollte er sich später umziehen. Albstadt Ebingen kam in Sicht. Lukas wischte sich die fettigen Hände an der Hose ab. Nun war es egal. Er bog in die Sigmaringer Straße ein und hielt kurze Zeit später vor dem Laden mit dem auffälligen roten Design und der weißen Schrift darauf. Er spürte ein elektrisierendes Kribbeln unterhalb des Bauchnabels. Vorfreude. 

Als er den Laden betrat, fühlte er sich zurückversetzt in seine Kindheit. Eine Erinnerung schoss in ihm hoch. Er war sieben Jahre alt gewesen, als sein Vater ihn ins Kaufhaus Schleehauff neben dem Sigmaringer Rathaus mitgenommen hatte. Sie gingen gemeinsam in die oberste Etage, wo sich die Spielwarenabteilung befand. Dort zog Vater einen Hundertmarkschein aus der Brieftasche, die nach Leder roch, ein Geruch, den Lukas noch heute mit ihm in Verbindung brachte. „Such dir aus, was du haben magst, mein Sohn“, sagte er. Er hatte Lukas vorher nie mit mein Sohn angesprochen. Und danach auch nicht. Lukas erinnerte sich noch gut an das Gefühl, all die Schätze vor sich zu sehen. Und wählen zu müssen. Denn, egal, wofür er sich entschied, es war eine Entscheidung gegen alles andere, was er nicht kaufen konnte. Damals war er mit der Piratenburg von Lego und einem Transformer aus dem Laden gegangen. In das Glück über den Kauf mischte sich das Bedauern, die blaue Lego-Unterwasserwelt zurückgelassen zu haben. Allerdings hatte die mit der Erinnerung verbundene Traurigkeit, die er heute noch wie schmerzhafte Stiche spürte, nichts mit den Legobaukästen zu tun. Sondern damit, dass Vater am nächsten Morgen ausgezogen war, samt seinem wohlvertrauten Ledergeruch, und nie zurückkehrte. 

„Hey, ich bin Sandra, kann ich Ihnen helfen?“ Lukas schreckte aus seinen Gedanken. Eine junge Frau lächelte ihn freundlich an. Sie hatte schwarze Rastazöpfe und trug ein enges, kurzes rotes Kleid, das ihre perfekte Figur betonte. Ihre schokoladenbraune Haut schimmerte samtig. Sie war wunderschön. Lukas konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Er spürte, wie er errötete, und er begann zu stammeln:
„Ähm, also, ich ...“
„Wenn Sie das erste Mal bei uns sind, gebe ich Ihnen gern einen kurzen Überblick über unser Angebot“, schlug Sandra vor. „Bitte folgen Sie mir einfach.“
Lukas nickte stumm und stolperte hinter ihr her. Das Blut rauschte in seinen Ohren, sodass es ihm schwerfiel, sich auf ihre Worte zu konzentrieren, mit denen sie ihn auf die verschiedenen Abteilungen und Angebote des Ladens hinwies. Stattdessen hing sein Blick an ihrem Po, der sich unter dem Kleid abzeichnete.
„...legen darf?“ Sie war stehengeblieben, hatte sich zu ihm umgedreht und sah ihn erwartungsvoll an.
„Wie bitte?“ 
„Ob ich das Superrabattangebot der Woche für Sie schon mal an der Kasse hinterlegen darf“, wiederholte Sandra mit sanfter Stimme. 
„Ähm ja, klar gern.“ Lukas versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er wusste genau, warum er hier war. „Und dann hätte ich gern noch ...“ Seine Stimme wurde mit jedem Wort leiser. 
„Ja ...?“ Sandra sah ihn abwartend an. 
Lukas blickte sich verstohlen im Laden um. Am Regal hinter ihm stand ein junges Pärchen, beide Anfang zwanzig, die kichernd verschiedenes Spielzeug in die Hand nahmen. Lukas trat näher an Sandra heran und flüsterte ihr etwas ins Ohr, wobei er merkte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. Und nicht nur da hin. Auch seine Hose schien plötzlich enger zu werden.
„... wie ich?“ Sandra sah ihn überrascht an. Ihre Augen funkelten. Hoffentlich begann sie nicht, ihn auszulachen. 
„Alles klar, ich vestehe“, sagte sie, mit heiterer Leichtigkeit in der Stimme. „Bitte kommen Sie mit.“ Sie schritt zu einem Regal auf der linken Seite des Raumes und griff nach einer buntbedruckten Pappschachtel. „African Queen“ las Lukas über dem Foto, das zwar nicht Sandra ähnlichsah, aber zumindest eine ebenso dunkle Schönheit zeigte. Mit vor Aufregung feuchten Händen griff Lukas nach dem Karton und drückte ihn an seine Brust. 
„Ist für neunundzwanzig fünfundneunzig im Angebot“, sagte Sandra. „Haben Sie sonst noch einen Wunsch?“ 
Lukas nickte. Die Pappschachtel vor seinem Körper fühlte sich an, wie ein Schild, welches ihm Sicherheit gab und Mut. Er deutete mit der rechten Hand auf Sandras rotes Kleid. 
„So ein Kleid. In ihrer Größe.“ Er senkte den Blick auf den Karton vor seiner Brust. 

Wenig später verließ Lukas den Laden mit einer großen Tüte. Auf dem Kassenzettel stand der Betrag von 98,50 Euro. Er hatte Sandra einen Hunderter über den Tresen geschoben und „Stimmt so“ gesagt. Und dabei fiel ihm wieder die Sache mit seinem Vater ein, obwohl er jetzt gar nicht daran denken wollte. Lukas atmete tief durch, bevor er in Mutters Opel stieg. Der erste Schritt war getan. 

©Jo Jansen 20200325

Dienstag, 15. Oktober 2019

Der Eisbär


Das Fell des alten Eisbären war vergilbt und glanzlos. Wozu sollte er sich noch putzen? Die Weibchen himmelten den Neuen an, der ins Gehege gekommen war, und auch die größten Fische bekam. Der Alte sah hinüber zum Braunbärengehege, wo ein einsames dunkles Weibchen von den Kindern als Teddy bejubelt wurde. Ja, das wäre eine Alternative! Er würde ein Braunbär werden! Tagelang sammelte der alte Eisbär seine großen Haufen in einer stillen Ecke. Dann regnete es und er wälzte sich in der Pampe, bis er ganz braun war. Doch nun war er weder Eisbär noch Braunbär, sondern einfach nur ein Scheißbär. 


© Jo Jansen 2019
(Auch das ist wieder ein Drabble